Stöbritz


 

Bilder: Die Kirche von außen (Foto: Mathias Koch), das östliche Nordportal sowie das Nagelkreuz

   
Schlüsselhüter / Kirchenöffnungszeit
   
   Hildtraut Richter, Stöbritz Nr. 4, Tel. 035456/ 51 56

Kirchenführung nach Anmeldung erhältlich bei: Hildtraut Richter, Tel. 035456-5156
   

 

Bisher wurde die Stöbritzer Kirche in der Literatur als einheitlicher Baukörper vom Anfang des 15. Jahrhunderts beschrieben.

Mittelalterliche Putzreste haben sich an den Außenwänden der östlichen Gebäudehälfte erhaltenen: am Ostgiebel und am östlichen Langhaus gibt es doppelt geritzte Putzquaderungen, am Ostgiebel zusätzlich eine Gestaltung aus Kreisen und Quadern mit roter Fassung. Diese Reste stammen jedoch vermutlich aus dem 14. Jahrhundert und gehören zu den wenigen noch erhaltenen Beispielen für eine farbig gestaltete mittelalterliche Putzfassade im Land Brandenburg.

Diese Tatsache führte in jüngster Vergangenheit zu einer näheren Beschäftigung mit der Kirche Stöbritz seitens des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLDAM).

Erste bauhistorische Beobachtungen ergaben, daß der jetzige Baukörper aus Feldstein mit Öffnungen in Backstein in vier mittelalterlichen Etappen errichtet wurde.

Der älteste Teil ist ein Saalbau mit zwei Zugängen in der Nordwand. Beide Portale sind gleich gestaltet. Bemerkenswert sind ihre schweren Eichentüren, die mittelalterliche Beschläge aufweisen. Am östlichen Portal – der ehemaligen Priesterpforte hinter dem Vorbau – weist das Türblatt einen Eisenbeschlag mit Lilienendung auf. In den meisten äußeren Backsteinlaibungen finden sich die typischen „Näpfchen“.

Den Ostgiebel schmückte eine Dreifenstergruppe, die den Traufbereich nicht überragte und somit keine hölzerne Tonne, sondern auch ursprünglich eine Flachdecke im Inneren vermuten läßt. Es gab keine Türöffnung von Westen. Das belegt, daß zur Zeit der Errichtung des Saalbaus noch kein Turm vorgesehen war. Das mittelalterliche Dach war geringfügig steiler als das jetzige und mit Mönch-Nonne-Steinen gedeckt. Die Saalkirche wurde spätestens im 14. Jh. errichtet. An beiden Traufen am Westgiebel gibt es einen vorkragenden Feldstein als Rest eines Traufgesimses. Bisher wurde dies nur an Kirchen des 13. Jahrhunderts nachgewiesen, sodaß auch eine frühere Datierung dieses ersten Stöbritzer Kirchenbaus möglich scheint.

Später wurden der Turm und ein Bau auf der Nordseite – vermutlich eine Sakristei – angefügt, der sich ursprünglich weiter nach Westen erstreckte. Er ist im Erdgeschoß noch in Resten erhalten und wurde im 18. Jahrhundert in den Bau einer Patronatsloge integriert.

Dendrochronologische Untersuchungen* ergaben, daß der Turmbau ohne das letzte Geschoß auf die Zeit um 1450 datiert. Um oder nach 1500 errichtete man das oberste Turmgeschoß mit den Zwillingsfenstern und den Glockenstuhl.

Um oder nach 1725 erfolgte der Neubau von Decke und Dachstuhl über dem Kirchensaal. Gleichzeitig errichtete man Giebel und Dach der nördlichen Patronatsloge und wahrscheinlich auch der nicht mehr vorhandenen südlichen (die sog. Stoßdorfer Loge). Vermutlich gleichzeitig erfolgte der Einbau der Emporen (außer der Orgelempore) sowie von Kanzel, Altar und Bänken. In der barocken Phase hat man auch die gotischen Fenster verändert – einzige Ausnahme ist das zugemauerte mittlere der Dreifenstergruppe.

Die Westempore wurde 1889 errichtet und gleichzeitig eine Orgel von Robert Uibe aus Neuzelle angeschafft.

Am 8. März 1954 faßte der Gemeindekirchenrat Stöbritz unter der Leitung von Pfarrer Saretz den Beschluß, die Kirche umfassend zu „renovieren“. Man riß die südliche Loge ab und mauerte die beiden Logenfenster zu. Im Innenraum ersetzte man den Lesesteinfußboden durch Spaltklinker. Gleichzeitig wurden sämtliche barocken Einbauten und die Ausstattung entfernt.

Seitdem überspannt eine flache Bretterdecke den schlicht eingerichteten Innenraum des Kirchenschiffs. Bis auf die eingeschossige Westempore und den Altarblock stammen nahezu alle anderen Einrichtungsgegenstände aus dem Jahr 1954.

1961 verkaufte man schließlich die bleiverglasten Fenster des Kirchensaals und deckte den Turm mit Mönch-Nonne-Steinen aus Naumburg ein.

Einzig eine Einbaumtruhe hat die „Kirchenerneuerung“ aus den 50er Jahren überlebt. Sie kündet heute von der mittelalterlichen Nutzung der Kirche. Die barocke Ausstattung ist vollständig verloren.

*Bestimmung des Holzalters auf Grundlage der Jahrringe

 

Annegret Gehrmann (2020) unter Verwendung der Forschungsergebnisse von Stefanie Wagner 2018

 

Quellen:
Stefanie Wagner, BLDAM/Referat Restaurierung und Bauforschung
Beuth Hochschule für Technik, Berlin
Fotoalbum der Kirchgemeinde zu den Maßnahmen 1954–55, erstellt von Pfarrer Saretz
EKBO-Datenbank