Niendorf (bei Dahme)


 

Bilder: Die Kirche von außen, der Innenraum mit Blick nach Osten und die Orgel

   
Schlüsselhüter / Kirchenöffnungszeit
   
   April-Oktober: Mittw.-Sonnt. 10-17 Uhr offen
   

 

Die Niendorfer Kirche liegt inmitten des Friedhofs und unmittelbar am Dorfteich. Dieses Ensemble bildet das malerische Zentrum des Angerdorfes. Doch entgegen dem Anschein handelt es sich hier nicht um den 1717-1720 errichteten Kirchenbau. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der offenbar so baufällig geworden, daß die Fachwerkkirche im Juli 1908 „für 500 Mark auf Abbruch verkauft und abgerissen“ wurde.

Schon am 5. August 1908 war an gleicher Stelle Baubeginn der „neuen, massiven Kirche mit Thurm an der Nordseite“ im Stil des Neobarock. Der verputze Ziegelbau trägt ein Walmdach und auf dem Turm eine barock anmutende Schweifhaube. Die Wetterfahne zeigt die Jahreszahl 1908. Innerhalb nur eines Jahres wurde der Bau unter Leitung von Maurermeister Richard Patzke aus Dahme errichtet, ausgestattet und farblich gefaßt. Bereits am 28. August 1909 konnte man die Kirche mit einem feierlichen Gottesdienst einweihen!

Die beiden noch heute im Turm hängenden Stahl- oder Eisenhartgußglocken wurden 1923 in Apolda neu gegossen, nachdem ihre Vorgänger aus Bronze während des 1. Weltkrieges eingeschmolzen worden waren. Eine von ihnen trägt die Inschrift: “In harter Zeit nach Krieges Morden bin ich aus Erz zu Stahl geworden. So hart wie Stahl muß der Glaube werden, dann kommen bessere Zeiten auf Erden!”

Der Innenraum der Kirche wird durch schlanke Rechteckpfeiler in drei „Schiffe“ gegliedert – dabei sind die Seitenschiffe flachgedeckt. Über dem Mittelschiff erhebt sich ein hölzernes Gewölbe, das von Kunstmaler Ernst Fey aus Friedenau in ländlichen, barocken Rankenmustern ausgemalt wurde. Das Auge Gottes – umgeben von einem Strahlenkranz und stilisierten Wolken – bildet den Mittelpunkt der prächtigen Decke. In den unteren ovalen Spruchfeldern befinden sich Texte aus den Seligpreisungen der Bergpredigt. Ob Fey auftragsgemäß tatsächlich allein den gesamten Kirchenraum und die Ausstattungsstücke bearbeitet hat, können erst weitergehende Untersuchungen belegen. Fast alle Fassungen scheinen aus dem Jahr 1909 zu stammen.

Für die Ausstattung des Neubaus wurden die wichtigsten Elemente aus der Vorgängerkirche übernommen: Altar, Kanzel, Beichtstuhl, Orgel und Gemeindegestühl. Dazu setzte man auch Neues wie die Brüstung der Orgelempore. All diese Arbeiten besorgte Tischlermeister Schönicke aus Dahme. Er paßte u.a. den reich geschnitzten Altaraufsatz und die Kanzel an den neuen Kirchenraum an.

Der Altaraufsatz aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts steht auf einem neu konstruierten Unterbau. Er zeigt das typische Bildprogramm von Abendmahl, Kreuzigung und Himmelfahrt. Das Hauptbild wird von Säulen mit Akanthusblättern flankiert. Dem barocken Zeitgeschmack entsprechend ist der Aufsatz mit durchbrochenem Schnitzwerk verziert und zeigt geflügelte Engelsköpfe.

Zeitgleich ist wohl der evangelische Beichtstuhl einzuordnen, der rechts vom Altar steht.

Die Kanzel mit ihrem kronenartigen Schalldeckel sowie der zugehörige Aufgang dürften ebenfalls im 18. Jahrhundert entstanden sein. Hier waren einige bauzeitliche Zutaten notwendig.

Zwischen Kanzelkorb und Schalldeckel hängt ein kleines, relativ schlichtes Kruzifix an der Wand, das aus der Epoche des Frühbarock oder der Spätrenaissance stammen könnte.

Der zentrale Kronleuchter könnte der gleichen Zeit angehören.

An der Nordwand des Altarraums – gegenüber der Kanzel – erinnert eine Gedenktafel an die Gefallenen des 1. Weltkrieges.

Vermutlich erst mit Errichtung des Neubaus kam der schlanke, bewegliche Taufstein in den Raum. Die Kirchenbänke hingegen stammen aus der Vorgängerkirche.

Noch für diese Kirche leistete sich die Gemeinde eine Orgel. Sie wurde 1892 von dem Eilenburger Orgelbaumeister Eduard Richter erbaut und zog 17 Jahre später in das neue Gotteshaus um. Die Firma Alexander Schuke besorgte den Einbau und erneuerte sie dabei teilweise. Auch der Orgelprospekt erhielt 1909 eine neue Farbfassung.

Hinter dem Altar steht eine hölzerne Truhe, auf deren Deckel sich der Vermerk „A.D. 1909“ findet. Nicht nur diese Zeitangabe, sondern vor allem die Maltechnik und Ornamentik lassen sich auf andere Ausstattungsgegenstände des Raumes übertragen. Anhand dieses Vergleiches konnte die heute sichtbare Farbgebung in der Kirche nahezu einheitlich auf 1909 datiert werden.

Damit handelt es sich beim Innenraum der Niendorfer Kirche um ein selten erhaltenes Gesamtkunstwerk von nicht zu unterschätzendem Wert.

 

Annegret Gehrmann (2020)

 

Quellen:
Kirchenbuch der Gemeinde Niendorf
Akten aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv
Dokumentation zur restauratorischen Voruntersuchung, Dammann & Felsch Restaurierung GbR, Dezember 2017- März 2018
Georg Dehio: Handbuch der dt. Kunstdenkmäler, Brandenburg; bearbeitet von Gerhard Vinken, durchgesehen und erweitert von Barbara Rimpel; Deutscher Kunstverlag 2012