Lübbenau, St. Nikolai


 

Bilder: Die Kirche von außen (Foto: Michaelis), der Innenraum mit dem Taufengel und der Taufengel im Detail

   
Schlüsselhüter / Kirchenöffnungszeit
   
   täglich ca. 10 -18.30 Uhr offen
   

 

Die Stadtpfarrkirche von Lübbenau ist ein wichtiges Beispiel des sächsischen Barock in der Niederlausitz. Erster Patronatsherr war Moritz Carl Graf zu Lynar. Auf den Fundamenten eines wegen Baufälligkeit abgerissenen Vorgängerbaus wurde die Kirche 1738-1741 nach Plänen des Dresdner Festungsmaurermeisters Gottfried Findeisen errichtet. Den Turmunterbau incl. Westportal aus der Zeit um 1658 übernahm man vom Vorgänger. Im Auftrag des Grafen Lynar wurde der Turm 1778 auf ca. 60 Meter erhöht.

Außen wird die große Saalkirche wesentlich geprägt durch die hohen schmalen Stichbogenfenster und den schlanken Turm. Hier hängen seit 1919 drei Gußstahlglocken, da die vorherigen im Ersten Weltkrieg an die Rüstungsindustrie abgeliefert werden mußten.

Die Schlichtheit der Putzfassaden ist das Resultat einer vereinfachenden Umgestaltung im 19. Jahrhundert. Eine grundlegende Sanierung der Bauhülle konnte 2007 abgeschlossen werden. Sie war bedingt durch die nicht mehr tragfähige historische Gründung der Kirche auf Erlenpfählen, welche infolge der Grundwasserabsenkung für den Tagebau verfaulten und eine Absenkung des Baus verursachten.

Der flach gedeckte Innenraum von St. Nikolai beeindruckt durch seine einheitliche bauzeitliche Barockausstattung, die von Dresdner Hofkünstlern geschaffen wurde. An beiden Längsseiten umschließen doppelgeschossige Emporen mit Rokokodekoren den Raum, während auf der eingeschossigen, vorschwingenden Westempore ein schöner Orgelprospekt aus den Jahren 1741-43 steht, geschaffen von J. J. Köpler aus Sorau (Zary) in Polen. Andere Quellen nennen den Hofbildhauer Dreyzigmark aus Sorgau in Ostbrandenburg. Das heutige Instrument ist ein Werk der Firma Jehmlich aus Dresden von 1984 mit zwei Manualen, Pedal und 35 Registern.

Gegenüber im eingezogenen Chor sind über der Sakristei (Südseite) bzw. der ehem. Familiengruft (Nordseite) zweigeschossige verglaste Logen angeordnet, die jeweils in Rundungen zum Kirchenraum überleiten. An die südliche Rundung wurde die Kanzel angepaßt. Der Kanzelkorb zeigt im zentralen Brüstungsfeld Reliefs der Gesetzestafeln mit Palmwedel zwischen Blütengehängen. Auf dem geschwungenen Schalldeckel steht sich die relativ große Figur von Christus als Guter Hirte.

Im Zentrum des Chores steht der 1741 entstandene große Barockaltar. Das qualitätvolle Altarbild zeigt die Auferstehung Christi und stammt von dem Dresdner Hofmaler Christian Wilhelm Ernst Dietrich.

Vor den Stufen zum Altarraum kniet eine weibliche Engelsfigur, die in ihren Armen eine Muschel zur Aufnahme der Taufschale hält. Der Engel aus bronziertem Zinkguß von 1864 ist eine Nachbildung des marmornen Taufengels von Bertel Thorvaldsen in der Kopenhagener Frauenkirche.

Der Kirchenraum wird durch drei große Leuchterkronen aus Glas erhellt. Eine weitere Besonderheit sind die beeindruckenden Epitaphien und Prunksarkophage vor allem des 18. Jahrhunderts.

Betritt man die Kirche durch das Westportal, durchschreitet man eine Flügeltür, deren Glasmalerei im Oberlicht den Guten Hirten darstellt. Rechts von dieser Tür befindet sich das Steinepitaph für Johann Hieronymus de Wedig († 1765), ehemals Hofrichter der Standesherrschaft. Auf dem Sarkophagdeckel sitzt Justitia mit von Schlangen zerfressenem Totenkopf und zwei trauernden Putten. Der Sarkophag wird vom geflügelten Chronos (Personifikation der Zeit) gestützt.

Links der Tür hat man die Grabplatte der Juliana von Wolfferstorff in die Wand eingelassen, die 1627 schon im Säuglingsalter verstarb und kniend mit langem Hemd und Haube dargestellt ist. Dieses Epitaph stammt aus der 1988 für den Braunkohletagebau abgerissenen Dorfkirche Groß Lübbenau.

An der südlichen Chorwand ist ein großes Wandepitaph für Moritz Carl zu Lynar (†1768) angebracht, noch von ihm beauftragt und bereits 1765 vom Dresdner Hofbildhauer Joh. Gottfr. Knöffler geschaffen. Die drei weiblichen Allegorien neben dem Sarkophag stehen für Gerechtigkeit, Glaube und Tapferkeit – Tugenden, derer sich das Haus zu Lynar rühmte. Das vom Tod gehaltene Familienwappen ist zerbrochen dargestellt und weist damit auf die Kinderlosigkeit des Grafen hin.

Die eleganten Prunksarkophage aus Sandstein für Graf Moritz Carl und seine Frau Christiane Friederike Henriette (†1730) stehen unter der nördlichen Empore. Weitere, schlichte Steinepitaphe für Mitglieder der Familie zu Lynar finden sich an verschiedenen Orten in der Kirche. Hinzuweisen ist besonders auf das Gedächtnismal für Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar in Form eines hölzernen Johanniterkreuzes. Sein ehemals nahegelegenes Gut war konspirativer Treffpunkt der Hitlergegner in der Wehrmacht. Graf v. Lynar wurde am 29.9.1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

 

Quellen:
Georg Dehio: Handbuch der dt. Kunstdenkmäler, Brandenburg; bearbeitet von Gerhard Vinken, durchgesehen und erweitert von Barbara Rimpel; Deutscher Kunstverlag 2012
Kunstgut-Datenbank der EKBO
Flyer der Kirchgemeinde zu St. Nikolai, ohne Jahresangabe